Gerade habe ich zum ersten Mal Ridley Scotts The Counselor, für den Cormac McCarthy sein einziges Drehbuch schrieb, im Extended Cut gesehen. Ich mochte ihn schon damals im Kino, diesmal aber liebte ich ihn (was primär an McCarthys Drehbuch liegt) – anders als die meisten -, wenn er absolut kein makelloser Film ist (was primär an Scotts Regie liegt*). Die 2.7/5 bei Letterboxd finde ich zwar tragisch, aber wenig überraschend.
Die Kritik, die am häufigsten an The Counselor geübt wird, ist natürlich genau der Grund, warum ich den Film über alle Maßen zu schätzen weiß: Diese totale Verweigerung fast allem gegenüber, das man als Zuschauer von einem klassischen Thriller erwartet, zugunsten einer tieferen, existenzielleren Bedeutungsebene, die Cormac McCarthys Werk, der hier einen absoluten Fuck auf alle traditionellen Filmstrukturen gibt, stets durchzieht. Es überrascht mich nicht, dass sich hier einige vor den Kopf gestoßen fühlen. Nebenfiguren tauchen auf und verschwinden einfach wieder, Protagonisten bleiben Masken vulgär-nihilistischer Maskulinität (was sich insbesondere in ihrer Frauenfeindlichkeit niederschlägt), Menschen definieren sich über die Berufungen, ohne dass wir jemals so richtig erfahren, was diese überhaupt sein sollen. Immer dann, wenn das Tempo anzieht, die Jagd beginnt, die Köpfe über die Fahrbahn rollen, drosselt sich der Film selbst, um sich in langen, kargen Dialogen über das trostlose menschliche Wesen inmitten des Grenzkrieges zu verlieren. Es ist die totale Verweigerung der Konvention. Selbst als im Schlussakt das Unheil hereinbricht – von Anfang an war klar, dass es kommen würde, nur nicht wie und für wen -, verharrt der Film in seinem gleichbleibenden, kontemplativen Gestus. In einem gleichbleibenden, meditativen Rhythmus ziehen sich die Schlingen zu – ob buchstäblich (in einer Szene, die ich nicht mehr vergessen werde) als automatisierte Drahtseilvorrichtung, die sich um Hälse wickelt, oder metaphorisch in einem existenzialistischen Telefongespräch darüber, mit der Unausweichlichkeit der Konsequenzen seiner früheren Taten leben zu müssen.
The Counselor zu schauen, hat mich in Verbindung mit der am Kinohorizont wabernden Blood Medidian-Adaption von John Hillcoat, über die Beziehung von McCarthys literarischem Werk, das (wenig originell) eines meiner liebsten überhaupt ist, zum Medium Film nachdenken lassen. Seine Prosa scheint mir aus einem erzähltechnischen Blickwinkel heraus betrachtet nahezu perfekt für eine filmische Adaption geeignet, denn sie zeichnet sich stets durch neutrale Erzählperspektiven aus, die fast immer ohne die psychologische Innenschau ihrer Figuren auskommt. Nicht die Durchleuchtung ihrer seelischen Innenarchitektur gibt ihnen Charakter und Tiefe, sondern ihr Handeln und das, was sie in brutal kargen Sätzen sagen. Alles, was du über sie weißt, weißt du durch ihre Präsenz in der Welt. Diese einfache Tatsache lässt eines der größten Probleme der Literaturverfilmung gar nicht erst aufkommen: Das Scheitern, eine Filmsprache für die Innensicht zu finden, die der Literatur meist eigen ist. Lässt man sie weg, läuft man Gefahr, die Essenz des Werkes zu verlieren, baut man sie ein, geschieht dies oft in Form eines geschmacklosen Off-Erzählers, was fast immer schief geht. Bei McCarthy stellt sich diese Frage nicht.
Für mich liegt das Problem bei der Verfilmung von McCarthys Büchern in einem anderen großen Wesenszug seines Schreibens: seiner Naturprosa und der daraus entstehenden Welt, in der sich seine schweigsamen Figuren bewegen. Und hier scheitert auch Ridley Scott in The Counselor in gewisser Weise, wo die Coen-Brüder in No Country for Old Men gegen alle Wahrscheinlichkeit brillieren: Im Einfangen der für McCarthys Kunst absolut essentiellen Natur, die in ihrer Bedrohlichkeit und zugleich immer auch Schönheit der menschlichen Existenz völlig gleichgültig gegenübersteht. Niemand kann den endlosen Weiten der amerikanisch-mexikanischen Grenze ihre poetische Entsprechung geben wie McCarthy. Seine Wüstenlandschaften werden erst durch seine Prosa zu transzendentalen Orten, an denen der Mensch sich selbst begegnet. Gerade deshalb ist es für mich eine geradezu magische Leistung des Kameramanns Roger Deakins, dass die Wüste in No Country for Old Men tatsächlich ganz McCarthy-esque ist. Sie scheint förmlich den Geist der literarischen Vorlage zu atmen. Genau das geht Ridley Scotts Regie ab; er scheint McCarthys Poesie immer wieder ein das Korsett eines konventionellen Crime-Thrillers pressen zu wollen. Dort passt es nicht hinein, ja sprengt Letzteres oft geradezu. Was Hillcoats Verfilmung von Blood Meridian betrifft, bin ich weniger zuversichtlich, denn um die richtigen Bilder und Einstellungen für Abschnitte wie den folgenden zu finden und zu erschaffen (und über solche Absätze stolpert man ungefähr alle zwei Seiten), muss man wirklich verflucht gut sein, wenn es denn überhaupt möglich ist:
Am darauffolgenden Tag zogen sie hangauf durch ein Gelände, wo der Fels die Haut von der Hand brannte und wo es außer Fels nichts gab. Sie ritten durch eine Enge, der Pfad war übersät mit ausgetrockneten, runden Ziegenköteln. Das Gesicht von der Felswand und deren Backofenhitze abgewandt, zogen sie dahin, ihre schwarzen Schatten waren schräg auf das Gestein schabloniert, streng und scharf umrissen, wie Wesen, die das Bündnis mit dem Fleisch, das sie hervorgebrach hatte, brechen konnten, um dann autonom auf dem nackten Fels weiterzuleben, losgelöst von Sonne, Mensch und Gott. (S. 186)

* Zwei Beispiele, um zu zeigen, was das Problem mit Scotts Regie ist:
Erstens: Die Anfangsszene zwischen Cruz und Fassbinder sollte laut Drehbuch komplett unter der Decke spielen, sodass man keine Körper sieht. Auch der Dialog sollte nur gemauschelt hörbar sein. Es wäre die ungleich bessere Entscheidung gegenüber Scotts relativ geschmackloser Sexszene und würde die Charaktere duch ein weißes Tuch bedeckt als die Leichen zeigen, die sie eigentlich schon von Beginn an sind.
Zweitens: Die komplette Auto-Sexszene sollte nur als erzählte Story zu sehen sein. Was verflucht hat sich Scott dabei gedacht, dass als Flashback SO umzusetzen?